Einschulungsrose – ein Gastbeitrag

Hattifnattenvorwort

„Ne Mama“ kenne ich als kluge und warmherzige Kommentateuse, die mir u.a. ein Grundwissen in Sachen HotWheels verschafft hat. Und ohne erhobenen Zeigefinger die Elternsicht in manchen Lehrerblog bringt.

Gestern hat sie mir den unten zu lesenden Text zu den ersten Schulwochen des jüngsten Sohnes geschickt. Inhalt und Sprache berühren mich sehr.

Viel Freude beim Lesen und herzlichen Dank an „ne Mama“.

 

Einschulungsrose

Im August ist unser Jüngster als Integrationskind in der Schule um die Ecke eingeschult worden.
Die Einschulungsfeier in der gut gefüllten lauten Turnhalle war für ihn ein Schrecken. Er saß, nicht von mir zu trennen, mit großem Abstand zu allen anderen Kindern auf der Bank, klammerte sich an mein Bein, ließ sich die Ohren zuhalten und schimpfte unablässig vor sich hin. „Ich geh‘ sofort nach Hause! Was soll das für ein Gelärme sein! Die sollen mal die ganzen Kinder wegschicken! Was machen die da für ein Getanze? Sollen die das in der Schule lernen? Wozu soll das gut sein? Ich geh‘ jetzt!“
Als die Kinder aufgerufen wurden, warf die Lehrerin einen kurzen Blick zu uns und meinte freundlich, ich könne mit ins Klassenzimmer kommen. „Das bringt jetzt ja gar nichts, wenn wir auch noch an ihm herumzerren.“ Ich saß also neben dem murrenden Kind und beobachtete, wie es im ruhigeren Klassenzimmer ganz langsam anfing, die Ohren zu spitzen. Erst wollte er noch unter den Tisch flüchten – am Ende antwortete er sogar auf Fragen (wenn auch mit dem Rücken zum Geschehen).
Und dann gab es, zum Abschluss, für jedes Kind eine kleine Rose. Mit Namensschildchen. „Das kann ich ja schon längst selbst lesen!“ – sprach er, raste los, schnappte sich sein Blümchen und drückte es mir in die Hand. „Das ist wohl, damit die Kinder auch merken, dass es in der Schule mal schöne Sachen gibt.“
Die Rose, zu Hause angekommen und umgetopft, war erst einmal einen Großteil ihrer Blätter ab. Das Kind, in den ersten Schulwochen, ging schimpfend zu Schule, kam täglich mit neuen Berichten von Erzfeinden und Gemeinheiten, ‚gefälschten‘ Stundenplänen und unsinnigen Tätigkeiten nach Hause.
Nach zwei Wochen begann das Röslein, einen Trieb auszustrecken. Das Kind schimpfte etwas differenzierter. Der Trieb wurde länglich. Das Kind bemerkte, dass es eigentlich längst lesen kann. Am Ende des Rosentriebes entwickelte sich eine kleine Knospe. Das Kind stellte fest, dass der übelste Erzfeind wohl eher etwas ungeschickt sei und nicht so feindlich. Die Knospe ging langsam auf. Das Kind träumte, dass seine Lehrerin ihm nützliche Waffen gegen wilde Gefahren im Schultreppenhaus aushändigte.
Jetzt blüht die Einschulungsrose schon seit Wochen. Und das Kind? Das Kind sagt: „Also, in der Schule ist es schon nicht immer so doof wie im Kindergarten. Weil, im Kindergarten habe ich nur gekämpft und gar nichts gekonnt. Aber in der Schule bin ich ja wohl nicht gerade einer der Dümmsten. Da muss ich wohl nicht immer so viele Feinde haben.“ Reckt seinen blonden Wuschelkopf weit nach oben, das dürre Knäblein, und sieht seiner Rose plötzlich ungemein ähnlich.

 

 

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6 Gedanken zu “Einschulungsrose – ein Gastbeitrag

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