Faschingsweisheit – ein Gastbeitrag

Helau, Alaaf et al.!

Als ich mich schon fragte, was ich denn bloß zum Thema Karneval/Fasching schreiben soll, außer, dass mir nach derartigen Feierlichkeiten in der Schule die Ohren klingeln und die Haut juckt (Spielverderbermensch, ich!), flatterte dazu ein Gastartikel von der geschätzten „ne Mama“* ins Postfach.

Der Autorin herzlichen Dank und Euch viel Freude beim Lesen!

Eure Blumenwiesenhattifnatte 🙂

*Die bisherigen Gastartikel der Autorin findet ihr hier und hier.

 

Faschingsweisheit

In meiner Kindheit gab es gewisse Tabus. Ein wohlerzogenes Kind popelte nicht in der Nase, duzte keine Erwachsenen und zeigte sich außerhalb der Badewanne nicht unbekleidet. Altertümlich erzogene Mädchen hatten auch sauber zu bleiben, während fortschrittlich erzogene Mädchen dreckbeschmiert und das teils selbstgebastelte, teils zur Faschingzeit erworbene Waffenarsenal schwingend um’s am Marterpfahl festgebundene Karlheinzchen tanzen durften.

Als mein ältester Sohn in den Kindergarten kam, stellte ich fest, dass sich in diesem Bereich einige Verschiebungen ereignet hatten. Nasepopeln wurde in Grenzen geduldet, Erwachsene wurden durchweg geduzt und die Kinder sprangen sommers splitterfasernackt um die Wasserpumpe im Hof. Aber die Sache mit dem Marterpfahl… oh weh. Gewalt, körperliche Gewalt, Instrumente zur Ausübung körperlicher Gewalt und alles, was nur entfernt darauf hindeutete, war strikt und absolut verboten.
Der erste Vorfaschingselternabend meines Lebens zeigte mir, wie breit der Konsens war. Selbstverständlich war das Mitbringen von Waffenattrappen mit dem pädagogischen Konzept der Einrichtung nicht zu vereinbaren. Die einzige Ausnahme waren zur Kostümierung gehörige hölzerne Ritterschwerter, die zur Präsentation der Kostüme gehalten werden durften um dann auf den höheren Schränken deponiert zu werden. Schuss-, Feuer- und Laserwaffen aller Art waren nicht zugelassen. Gewaltprävention beginnt im Kindergarten! Zustimmendes Murmeln in der Elternschaft. Ich, indianerkampfsozialisiert, schwieg lieber still und erklärte dem Kind die wunderbaren Vorteile von Tierkostümen.

Im ersten Schuljahr des Kindes stellte ich dann fest, dass die Schule in pädagogischer Hinsicht nicht ganz so fortschrittlich war wie der Kindergarten. Nasepopeln verpönt, unbekleidete Erstklässler selbstverständlich auch; immerhin hatte sich das Duzen von Erwachsenen durchgesetzt. Und Waffenattrappen an Fasching? „Ja, natürlich, kein Problem!“
Die Feier war schön und lustig, das Kind kam glücklich nach Hause. Eine Woche später brachte es dann ein Foto des Ereignisses: „Guck, da hat die Erzieherin mal uns alle Jungs fotografiert! Cool, was?“ Zu sehen war eine farblich recht einheitlich gehaltene Gruppe von Darth Vader (5fache Ausführung), Vampir (2), schwarzer Ninja (3), Geheimagent (1), Bat Man (1), GSG9-Kämpfer und, der Farbtupfer unter den Jungs, ein bis an die Zähne bewaffneter kleiner Soldat in Bundeswehr-Tarnfarben. Dazwischen eine – im Vergleich mit den wildem Pimpfen – massige Gestalt in Grün mit bunten Tupfen.
„Kind? Was ist DAS denn?“
„Ach so, das ist natürlich die Lehrerin. Frau Nett. Die ist als Blumenwiese gegangen.“
Hysterisches Kichern von Mutterseite.
„Na ja, Mama. Das ist wohl so: als Frau Nett Lehrerin wurde, da hat sie sich wohl gedacht, dann ist sie den ganzen Tag mit so netten, niedlichen Mädchen zusammen. So, wie das früher mal war. Aber an Fasching… ich glaube, an Fasching sieht sie mal ganz deutlich, WIE GROSS ihr Irrtum war.“

 

 

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2 Gedanken zu “Faschingsweisheit – ein Gastbeitrag

  1. Womit spielen Kindergartenkinder heutzutage Zorro, Cowboy und Indianer oder Piraten etc.? Wie lernen sie, wann man aufhört zu kämpfen und sich „wie ein Ehremann“ verhält?

    Gewaltprävention klingt ja super… aber, wenn dabei herauskommt, dass sie im Schulalter dann plötzlich „der Böse“ (Darth Vader) sein wollen, der am Ende verliert, dann ist doch irgendwas falsch gelaufen, oder?

    1. Ja. Sie lernen eben nicht mehr, wie man aufhört zu kämpfen. Wenn sie loslegen zu kämpfen, dann hören sie nicht auf, sondern treten nach. Und die Sozialpädagogen beklagen, dass die Gewalt immer unvermittelter kommt und es kein Stoppen, sondern Nachtreten gibt. Es fehlt die Übung, es fehlt der Konsens in der Gruppe, wann man aufzuhören hat. Deshalb wird die Gewaltprävention intensiviert, deshalb fehlt die Übung erst recht, etc. Ein Teufelskreis. Das Leben in permanenter Erwachsenenüberwachung ist nicht besonders artgerecht.
      Zu Hause haben wir übrigens mittlerweile ein beträchtliches Waffenarsenal (inkl. „Kann der alte Stock da nicht endlich weg? Du hast doch so viele davon.“ „Neeeein! Das ist mein intergalaktischer Megablaster!!! Siehst du das nicht?“) – und bislang wirken die Kinder nicht wie Massenmörder in spe.

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