Mit dem Schwarzpulverbeutel gepudert

Überzuckert und verböllert kommt der wilde Kerl als solcher nach den Weihnachtsferien wieder in die Schule. Letzte „Polenböller“-Papierreste hängen noch an der Schuhsohle, die Ohren sind kaum mehr fähig etwas unter 90 Dezibel wahrzunehmen. Die Hattifnatte könnte nun in die erstaunlich geräumigen, unendlichen Tiefen ihres Kleinwagenkofferraums greifen und ein Megaphon entnehmen*, entscheidet sich jedoch für die lahmere, aber wertvollere Variante. (Ent)spannung, Konzentration und Stille. Letztere hatte in den Feriendreiwochen nur äusserst sporadischen Kontakt mit der Welt der wilden Kerle.

Es gibt Leute, die können bessere Fantasiereisen als ich und es gibt Kinder, die sprechen darauf besser an als die mir anvertrauten. Ich mach sowas deshalb höchst selten. Stattdessen gibt´s in den Hattifnatt´schen Schulgemächern:

  • Anschleichspiele: Ein Kind („Schatzwächter“) sitzt mit verbundenen Augen auf einem Stuhl in der Mitte des Raumes. Vor ihm ein „Schatz“. Dieser soll geklaut werden, dazu müssen sich Kinder (einzeln!) anschleichen. Der Schatzwächter zeigt auf Richtungen, aus denen er Geräusche hört. Wurde auf ein sich anschleichendes Kind gezeigt, muss dieses erstarrt stehenbleiben. Das nächste Kind darf versuchen, sich anzuschleichen. Dieses Spiel ist seit Jahren un-glaub-lich beliebt. Man kann die Herausforderung erhöhen, indem der „Schatz“ schwer zu stehlen ist: ein Schlüsselbund, Schellenkranz, Spardose… Eine nette Variante ist das „Wäscheklammerspiel“. Ohne, dass der Augenverbundene es bemerkt, müssen Wäscheklammern an den Kleidungsstücken befestigt (oder abgenommen) werden. Vorher darüber zu sprechen, welche Klammerorte erlaubt sind, ist ne schlaue Sache (und zack, gleich wieder ein Stückchen Sexualerziehung anbei…)
  • Als Stundenbeginnritual gebe ich in diesen lauten Zeiten gerne was rum. Ganz besonders gerne meine „Oceandrum“ (eine mit Erbsen gefüllte Rahmentrommel). Die darf nicht aufhören zu rauschen, während sie von Hand zu Hand wandert. Geht auch mit diesen asiatischen Klangkugeln. Als ich noch jung und mutig war, hab ich auch mal nen Ei auf Löffel von Hand zu Hand wandern lassen. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden…
  • Inzwischen ebenfalls ein Ritual, da ich nahzu in allen Ferien obsessiv an allen gerade verfügbaren Meeren Steine sammle: das „Erkenn mich wieder“. Die Steine liegen dekorativ auf einer Decke, jedes Kind sucht sich, ausschließlich mit den Augen, einen aus. Die Decke wird über die Steine gebreitet, letztere vermischt. Nun suchen die Kinder (maximal drei zur Zeit) tastend nach ihrem Stein. Klingt langweilig, ist cool und auch mit sich für Jugendliche haltende Zwölfjährige noch ganz zauberhaft und entzückend.
  • Lange Zeit zauberhaft, inzwischen von der fünften Klasse abgelehnt: Das Verstecken und Suchen eines tickenden Küchenweckers im Klassenraum und die tanzenden Taschenlampen, die ich hier mal beschrieben habe.
  • Frau Weh ist fantastisch und kann alles, anders als ich sogar Kunst. Diese Bilder sind auch ne äußerst stille Angelegenheit (sofern kein Kind auf den Gedanken kommt, ein anderes mit Farbe anzupusten. aber das ist eine andere Geschichte etc.p.p….)

Und ihr so?

Einen frohen Anfang, guten Mut, Schokolade und keine Pausenaufsichten bei Schnee wünscht euch von Herzen

H.

 

 

*Aktuell enthält besagter Kofferraum 2 Handtrommeln, einen Apfelschneider, Schmetterlingspflaster, Nordseesteine, mehrere CDs, gefrorene Lakritzbonscher und 500g Erdnüsse (immer gut, sollte man Elefanten begegnen)

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7 Gedanken zu “Mit dem Schwarzpulverbeutel gepudert

  1. Ein wunderbar formulierter Beitrag, danke dafür! Einen solchen „wilden Kerl“ gibt es doch mindestens überall… Ich durfte auch von Böllern hören, die so laut waren, dass man danach erstmal nichts gehört hat. Jippie!
    Sehr gut haben mir auch die Ruheübungen gefallen, die so schön ruhig sind, hne Stilleübungen genannt werden zu müssen. Eins davon kommt Montag gleich mal zum Einsatz!
    LG, Katha

    1. Schön, dass Dir der Beitrag gefallen hat!
      Bei mir gibt´s zehn „wilde Kerle“. 🙂 Ich nenne meine Klasse so (aus Gründen…), unabhängig vom Geschlecht; es sind auch junge Damen in allzuengen Hosen dabei.

      Herzlicher Gruß!

  2. Ich habe heute deinen Beitrag mit einem Schmunzeln und viel Interesse gelesen. Ja, „wilde Kerle“ gibt es überall, auch bei mir in Klasse 1. Deine Rituale und die Stilleübungen finde ich super. Gut, dass man da mal wieder dran erinnert wurde. Ich werde am Montag auch gleich mal das Anschleichspiel ausprobieren. Ich kann mir vorstellen, dass es meinen „Kerlen“ sehr gefällt. Und nach einem wilden Wochenende……

    Liebe Grüße

  3. Oh, ich danke dir so sehr für das „fantastiach“! Das schneide ich mir aus und klebe es mir an den PC!
    Deine Vorschlagssammlung finde ich prima und werde manches einsetzen – vielleicht hilft es ja … 😉

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