Da müsste Musik sein, wo auch immer du bist * (in diesem Fall: in Klasse 1)

„Ja, jetzt machen wir Musik, ja, jetzt machen wir Musik und so klatschen wir“ singen wir, patschen und klatschen dazu – mehr oder weniger im Takt. Nach jedem Durchgang folgt ein Rhythmus: ein Kind klatscht und spricht vor. Heute dran: das Thema „Wetter“. Simon klatscht „Wol-ken“, alle sprechen und klatschen dreimal nach, dann folgt wieder das Lied. Wir haben Spaß, koordinieren unsere Hände, schaffen einen gemeinsamen Beginn, trainieren die phonologische Bewusstheit.

In Absprache mit den Klassenlehrerinnen der beiden Ersten, die ich betreue, gibt es keine feste Stunde, in der halt nur Musik gemacht wird. Statt dessen darf ich in den Stunden, in denen ich „mit drin“ bin, 10 Minuten oder eine Viertelstunde nutzen, um das zu machen, was ich unter gutem Musikanfangsunterricht verstehe: etwas,das Spaß macht, Körper, Geist und Seele in Bewegung bringt und vielleicht sogar das ein- oder andere Kind in seiner Entwicklung voran bringen kann. Zusätzlich gibt es von den Grundschullehrerinnen ausgewählte, sehr schöne musikalische Rituale für Beginn und Abschluss jedes Tages.wp-1477408014935.jpg

Vieles, von dem was ich in diese Richtung kann, habe ich bei Björn Tischler gelernt. Der ist inzwischen nicht mehr der Jüngste und gibt nur noch wenige Fortbildungen. Wenn aber doch mal: geht hin! Wenn schwierig: Lest und nutzt sein neuestes Buch „Musik spielend erleben“. So viele, so sinnvolle Ideen. Ein Einblick: Regenideen für den Musikunterricht zum Download.

Was tu ich nun, wenn das Lied zu Beginn verklungen ist? Um dem ganzen eine gewisse innere Struktur zu geben, hat jede Woche (oder auch mal 2 Wochen) ein Musik-Thema. Gerade: Überraschung, Innovation, Trommelwirbel, Waldhornsolo: Herbstbeginn.

Anfang der Woche haben wir – das liegt in Norddeutschland gerade echtmal nahe – Herbstwind gespielt. Den sanften Wind und den wilden Sturmwind. In Geräuschen (Mund und Hände) und in Bewegung: Immer zwei Kinder dürfen, bewehrt mit den unentbehrlichen blauen Chiffontüchern, sanft owp-1477408033653.jpgder wild umherstreifen. Je nachdem, welche Geräusche die anderen von sich geben (ich steuere das mit erhobenen bzw. gesenkten Armen).

Zum gleichen Thema gibt es in der Pamina, Heft 31, ein wunderbares Sprechstück bzw. Lied: „Jetzt stelle ich den Wind ab“ **. Während es im Sprechstück um den tosenden Wind, unterlegt mit Körperklängen, geht, singen wir im zweiten Teil „Wenn ich den Wind nur stoppen könnte, bliebe alles still…“. ein wunderbarer Laut – Leise-Kontrast. Im leisen Teil gebe ich mehrere Rasseln und Schellen durch die Klasse, die möglichst geräuschlos weitergegeben werden sollen (bis wieder der „laute Wind“ beginnt). Dieses heiße Bemühen eines jeglichen Erstklässlers, diese Aufgabe ganz besonders sanft und leise zu erfüllen, erfüllt mit wiederum das Herz. Na klar geht das auch ohne das schöne Lied, einfach so als Stilleübung, z.B. unterlegt mit einer passenden Geschichte (durch den Wald schleichen etc.p.p.).

In einer anderen Stunde hören wir Herbstgeräusche. Unter meinem braunen Zaubertuch verborgen: ein Regenstab, ein paar getrocknete Blätter, Kastanien in einem Beutel, Handschuhe. Das Tuch wird kurz gelüftet, zum Gegenstand passende Geräusche werden vorgestellt. Dann darf ein einzelnes Kind eines der Geräusche unterm Tuch ausführen. Wer weiß, um welches Geräusch es sich handelt, darf eine entsprechende Bewegung dazu ausführen: den fallenden Regen, die tanzenden Blätter, das Wühlen  in den Kastanien oder das Anziehen der Handschuhe. Früher hab ich bei derartigen Übungen die Kinder aufzeigen lassen, bin aber inzwischen Fan der Bewegungslösung, weil so jedes Kind das Gefühl hat, „drangekommen“ zu sein.

Ich merke nach solchen Musikminuten, was ich getan habe. Extremmusiklehrererstklassfokus mit 28 Wuselkindern kostet tatsächlich körperliche Kraft.*** Ich merke nach solchen Musikminuten, was ich getan habe: in vielen Augen liegt ein Zauber. Als Jimmy später wieder ins Kieksen gerät, sind wir ganz kurz zusammen der sanfte Wind – und es gelingt ihm, zur Ruhe zu kommen.

*

 

 

** Stephanie Jakobi-Murer: Jetzt stelle ich den Wind ab! – Sprechvers mit Ruhepause. In: PaMina Heft 31, S. 52-53

***Aber zum Glück hat jemand sehr schlaues den Schokoriegel erfunden, um ebenjene wieder aufzufüllen.

P.S.: Ich spiele jetzt mal Amazon: Wenn Euch dieser Artikel gefallen hat, könnte auch der – zu Stilleübungen und Co nach Silvester – was für Euch sein.

 

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2 Gedanken zu “Da müsste Musik sein, wo auch immer du bist * (in diesem Fall: in Klasse 1)

  1. Liebsten Dank für diesen tollen Einblick!
    Werde versuchen, davon einiges umzusetzen.
    Würde mich freuen, davon mehr zu lesen.
    Sei lieb gegrüßt,
    Sandra

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